Abreise

30 05 2007

Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen,

Und das Posthorn bläst zum letztenmale.

Sagt, wo bleibt der vierte Mann so lange?

Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben!

– Indes fällt ein rascher Sommerregen;

Eh man hundert zählt, ist er vorüber;

Fast zu kurz, den heissen Staub zu löschen;

Doch auch diese Letzung ist willkommen.

Kühlung füllt und Wohlgeruch den weiten

Platz und an den Häusern ringsum öffnet

Sich ein Blumenfenster um das andre.

Endlich kommt der junge Mann. Geschwinde!

Eingestiegen! – Und fort rollt der Wagen.

Aber sehet, auf dem nassen Pflaster

Vor dem Posthaus, wo er stillgehalten,

Lässt er einen trocknen Fleck zurücke,

Lang und breit, sogar die Räder sieht man

Angezeigt und wo die Pferde standen.

Aber dort in jenem hübschen Hause,

Drin der Jüngling sich so lang verweilte,

Steht ein Mädchen hinterm Fensterladen,

Blicket auf die weiss gelassne Stelle,

Hält ihr Tüchlein vors Gesicht und weinet.

Mag es ihr so ernst sein? Ohne Zweifel;

Doch der Jammer wird nicht lange währen:

Mädchenaugen, wisst ihr, trocknen hurtig,

Und eh auf dem Markt die Steine wieder

Alle hell geworden von der Sonne,

Könnet ihr den Wildfang lachen hören.





mörikesbilder em0006

29 05 2007


mörikesbilder em0006

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Eduard Mörike





frühlingshügel 01

29 05 2007


frühlingshügel 01

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Scheer, 1828
Brief an Johannes Mährlein.





Margareta

29 05 2007
  Ach, muß der Gram mit dunkelm Kranz
Noch erst unschuldge Schläfe schmücken?
So hoher Sinn in ungetrübtem Glanz,
Er würde minder uns entzücken?
Ich weiß es nicht, nur dies weiß ich allein:
So gleichst du dir, und also sind wir dein. Könnt ich, o Seele, wie du bist,
Dich in den reinsten Spiegel fassen,
Was all dir einzig eigen ist,
Als Fremdes dir begegnen lassen!
Ja, fiele nur aus diesem Aug ein Blick,

Wie er uns traf, ins eigne Herz zurück:

Von selgen Schauern angeweht,
Scheu nahtest du dem namenlosen Bilde,
Wie einem Rätsel, das um Lösung fleht,
Daß eins im andern sich auf ewig stillte;
Doch ach, kaum hast du halb dich selbst erkannt,
Verkennst du dich, und hast dich abgewandt!





Maschinka

25 05 2007
Dieser schwellende Mund, den Reiz der Heimat noch atmend,
Kennt die Sprache nicht mehr, die ihn so lieblich geformt
Nach der Grammatik greifet die müßige Schöne verdrießlich,
Stammelt russischen Laut, weil es der Vater befiehlt.
Euer Stammeln ist süß, doch pflegt ihr, trutzige Lippen,
Heimlich ein ander Geschäft, das euch vor allem verschönt!




auf ein ei

24 05 2007


auf ein ei

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Auf ein Ei geschrieben





Auf ein Ei geschrieben

24 05 2007

Ostern ist zwar schon vorbei,

Also dies kein Osterei;

Wenn im Mai die Hasen legen?

Aus der Pfanne, aus dem Schmalz

Schmeckt ein Eilein jedenfalls,

Und kurzum, mich tät’s gaudieren,

Dir dies Ei zu präsentieren,

Und zugleich tät es mich kitzeln,

Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

 

Die Sophisten und die Pfaffen

Stritten sich mit viel Geschrei:

Was hat Gott zuerst erschaffen,

Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?

Erstlich ward ein Ei erdacht:

Doch weil noch kein Huhn gewesen,

Schatz, so hat’s der Has gebracht.